Die sechs historischen Keramikzentren
Die Beziehung zwischen den Japanern und der Töpferei reicht zurück bis zur Jōmon-Zeit (ca. 14.500 v. Chr. – 300 v. Chr.), als keramische Gefäße für das Aufbewahren von Lebensmitteln, zum Kochen sowie für rituelle Zwecke verwendet wurden. Töpferei war damit nicht nur ein praktisches Handwerk, sondern entwickelte sich über Jahrhunderte zu einem wichtigen kulturellen Ausdrucksmittel Japans. Formen, Glasuren und Brenntechniken spiegelten regionale Gegebenheiten, verfügbare Rohstoffe und ästhetische Vorstellungen wider und prägten die materielle Kultur des Landes nachhaltig.
Von den zahlreichen historischen Brennorten Japans werden heute besonders die sogenannten „Sechs Alten Brennöfen“ (Rokkoyō) hervorgehoben: Echizen, Seto, Tokoname, Shigaraki, Tamba und Bizen. Diese sechs Regionen gelten als die bedeutendsten traditionellen Keramikzentren Japans, deren Produktion seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart fortgeführt wurde. Jede dieser Regionen entwickelte charakteristische Techniken und Stilrichtungen, die eng mit ihrer Landschaft, den lokalen Tonvorkommen und den jeweiligen historischen Handels- und Kulturbeziehungen verbunden sind. Auch heute noch ziehen die Keramiken dieser Orte Sammler, Künstler und Besucher aus aller Welt an.
Die häufig zitierte Vorstellung der „Sechs Alten Brennöfen“ erscheint dabei jedoch historisch eindeutiger, als sie tatsächlich ist. Obwohl die Bezeichnung heute weit verbreitet ist und oft wie eine jahrhundertealte kulturelle Kategorie wirkt, handelt es sich in Wirklichkeit um eine vergleichsweise moderne kunsthistorische Einordnung. Der Begriff wurde erst 1948 vom Keramikhistoriker Fujio KOYAMA (小山 富士夫) geprägt. Ziel war es, jene Produktionsorte hervorzuheben, die bereits im Mittelalter bestanden, eigenständige regionale Traditionen entwickelten und ihre keramische Produktion bis in die Moderne fortsetzen konnten.
Die Einteilung besitzt daher nicht nur historischen, sondern auch kulturpolitischen und ideologischen Charakter. Sie entstand in der japanischen Nachkriegszeit, einer Phase, in der traditionelle Handwerkskünste verstärkt als Ausdruck nationaler kultureller Identität verstanden wurden. Die sechs Brennorte wurden dabei zunehmend als Sinnbild einer „authentischen“ japanischen Ästhetik präsentiert: ländlich geprägt, handwerklich, naturverbunden und über Jahrhunderte kontinuierlich tradiert. Diese Darstellung steht in engem Zusammenhang mit der Mingei-Bewegung des 20. Jahrhunderts, welche alltägliches Kunsthandwerk und regionale Traditionen bewusst aufwertete.
Gleichzeitig ist die Kategorie bis heute nicht unumstritten. Archäologisch und historisch existierten deutlich mehr bedeutende Brennorte, als die Auswahl der sechs vermuten lässt. Zentren wie Iga, Karatsu, Hagi oder Mino spielten ebenfalls wichtige Rollen in der japanischen Keramikgeschichte, wurden jedoch nicht in die offizielle Gruppe aufgenommen. Besonders die Auslassung von Iga wird häufig diskutiert, da dessen Keramik ästhetisch und historisch eng mit Shigaraki verbunden ist. Viele Forscher betrachten die „Sechs Alten Brennöfen“ deshalb weniger als objektive historische Tatsache, sondern eher als ein nachträglich geschaffenes kulturhistorisches Narrativ.
Dennoch ist die Einteilung nicht vollkommen willkürlich. Die sechs Regionen verbindet tatsächlich eine außergewöhnlich lange keramische Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Zudem entwickelten alle sechs Zentren eigenständige Formen hochgebrannter Steinzeugkeramik, die großen Einfluss auf die japanische Teezeremonie, Alltagskultur und spätere Studiokeramik hatten. Die Kategorie der „Sechs Alten Brennöfen“ bewegt sich somit zwischen historischer Realität, kunsthistorischer Konstruktion und moderner kultureller Selbstinszenierung Japans. Gerade diese Mischung macht sie bis heute zu einem faszinierenden Bestandteil japanischer Kulturgeschichte.
- Bizen-Keramik (備前焼, Bizen-yaki) | Bizen wurde später durch die Teezeremonie kulturell aufgewertet
- Echizen-Keramik (越前焼, Echizen-yaki)
- Shigaraki-Keramik (信楽焼, Shigaraki-yaki) | Shigaraki gewann Prestige stark durch moderne Studiokeramik
- Seto-Keramik (瀬戸焼, Seto-yaki) |Seto war technologisch enorm dominant (Glasuren!)
- Tanba-(Tachikui)-Keramik (丹波立杭焼, Tamba-Tachikui-yaki)
- Tokoname-Keramik (常滑焼, Tokoname-yaki) | Tokoname war riesiger Exportproduzent z.B. Kanalröhren
Links
https://sixancientkilns.jp
Zitat
„Die Beziehung zwischen dem japanischen Volk und der Keramik reicht bis in die Jōmon-Zeit zurück. Als unverzichtbare Werkzeuge für menschliche Tätigkeiten – als Utensilien für die Lebensmittelkonservierung und das Kochen sowie als rituelle Gegenstände – hat die Keramik zum Aufbau der Zivilisation beigetragen und die vielfältigen Kulturen in verschiedenen Bereichen vertieft.
Die „Sechs alten Brennöfen Japans“ ist ein Sammelbegriff für sechs repräsentative Produktionsgebiete (Echizen, Seto, Tokoname, Shigaraki, Tamba, Bizen) unter den alten Töpferöfen, in denen die Produktion vom Mittelalter bis heute fortgesetzt wurde.
Sie wurden um 1948 vom Forscher für antike Keramik, Herrn Koyama Fujio, benannt und im Frühjahr 2017 zum japanischen Kulturerbe erklärt.
Aus diesem Anlass gründeten die sechs Städte und Gemeinden* den Rokkōyō Japan Heritage Utilisation Council. Sie überprüfen die Techniken und die Kultur, die über tausend Jahre in den einzelnen Produktionsgebieten gepflegt wurden, und entdecken aus der Vogelperspektive den Reiz des Rokkōyō neu.
Die im Frühjahr 2018 gestartete Initiative „Journeying Through a Millennium: The Six Ancient Kilns” (Reise durch ein Jahrtausend: Die sechs alten Brennöfen) hat zum Ziel, anhand von Keramik die grundlegenden Bestrebungen der Menschheit, die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie die Ursprünge des Handwerks neu zu betrachten.
Anhand der Landschaften, in denen „Feuer und Mensch, Erde und Mensch, Wasser und Mensch” in diesen sechs Produktionsgebieten aufeinandergetroffen sind und die über tausend Jahre hinweg gepflegt wurden, möchten wir eine Vision für die Zukunft in einem weiteren Jahrtausend entwerfen.“
